Interview mit Gesa Schwartz
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Geneigte LeserInnen,

Ihr werdet jetzt in den absoluten Genuss kommen Auszüge des Interviews, welches ich mit der Autorin Gesa Schwartz führen durfte, zu lesen. Ich ziehe meinen Hut vor der phantastischen Schreibfeder der Autorin. Man fühlt das Talent von Gesa Schwartz wahrhaftig in ihren Büchern und es versteckt sich auch nicht in ihren Antworten, sonder ist allgegenwärtig. Doch überzeugt Euch selbst …

Grim: Das Siegel des Feuers Grim 02. Das Erbe des Lichts

In Ihrer Vita ist zu lesen, daß Sie sich auf die Spurensuche nach den alten Geschichtenerzählern begeben haben. Sind Sie fündig geworden?

Ich habe nicht so sehr nach den Geschichtenerzählern selbst gesucht, sondern mich im Rahmen meiner einjährigen Europareise vielmehr auf ihre Spuren begeben, und ich habe tatsächlich vieles vom dem gefunden, das ich suchte. Insbesondere sind das natürlich Geschichten gewesen, die ja nicht nur von Menschen, sondern auch von Orten oder Gegenständen erzählt werden können. Mitunter kann man aus dem Mund einer steinernen Statue größere Geheimnisse erfahren als aus den Schriften und Erzählungen der Menschen – und sei es nur das Rätsel der vollkommenen Stille.

Was war Ihr schönsten Erlebnis bei dieser Spurensuche?

Das ist schwer zu sagen, da es so viele verschiedene Eindrücke und Erlebnisse waren. Es war großartig, Stätten wie Pompeji, die Akropolis oder Delphi zu besuchen, aber es war auch interessant, die Menschen der unterschiedlichen Länder kennenzulernen und in ihre Kultur einzutauchen. Generell sind es gerade die scheinbar kleinen Dinge, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Das Klackern der Steine, die am Strand von Kardamili den Wellen nachgelaufen sind. Das Flüstern des Windes in den Wäldern von Brocéliande. Oder der wilde und würzige Geruch auf den Hügeln rund um Matera. Schön war es immer dann, wenn es mir gelungen ist, wirklich in dem einzigen Moment da zu sein, den ich habe: der Gegenwart. Und wenn ich fähig war, mich finden zu lassen – vom Leben. Niemals vergessen werde ich eine Nacht in Lissabon, während der ich durch die Stadt streifte und auf einmal auf einem kleinen Platz etliche Menschen sah, die zu klassischer Musik aus einem uralten Kassettenrekorder Tango tanzten. Einige trugen vornehme Garderobe, anderen sah man an, dass sie nur einen einzigen Sonntagsanzug besaßen und ihn zu diesem Anlass aus dem Schrank geholt hatten, und wieder andere trugen Alltagskleidung. Sie tanzten schweigend und ich erinnere mich, dass ich am Rand stand und diese unwirkliche Szene betrachtete. Und ich dachte: So müssen Engel aussehen, wenn sie auf der Erde leben und tanzen würden. Das war ein sehr intensiver Augenblick für mich.

Aus welchem Bereich ihres Studiums ( Deutsche Philologie, Philosophie, Deutsch als Fremdsprache ) können Sie den besten Nutzen für Ihre schriftstellerische Tätigkeit ziehen?

Letztlich hat mich mein Studium im Ganzen hervorragend auf meinen jetzigen Beruf als Schriftstellerin vorbereitet, da es mein Interesse für Literatur, Philosophie, Gedanken und Menschen noch gesteigert und mir die Möglichkeit gegeben hat, in all diesen Bereichen ein größeres Wissen und ein intensiveres Empfinden auszubilden. Im Umgang mit Texten greife ich ganz automatisch auf den Fundus zurück, den ich mir während des Studiums der germanistischen Disziplinen angeeignet habe, und die Philosophie schulte mich besonders im Umgang mit geistigen Konstrukten (und nichts anderes ist eine Geschichte ja zunächst), die mitunter sehr lange sozusagen im luftleeren Raum existieren müssen, ehe man sie auf ein äußeres Fundament stellt, und an deren Schönheit man dennoch oder gerade deshalb glauben muss, um sie im Vakuum des Geistes nicht ersticken zu lassen.

Hier ein kleiner Auszug aus einem Zitat von Otl Aicher: “Es ist schwieriger, ein wahres Bild zu photographieren, als ein unter Scheinwerfern inszeniertes Objekt darzustellen, ….” Auf Ihrer Homepage findet man die bildhafte Darstellung Ihrer Recherche-Einsätze zu Grim. Würden Sie Otl Aicher zustimmen?

Ja, auf jeden Fall. Es ist immer schwieriger, die Wahrheit zu finden und einzufangen, als etwas Künstliches abzubilden. Natürlich hat jeder Mensch seine eigene Wahrheit, aber ich denke, dass Michael Ende recht hat, wenn er sagt: „Die Tatsachen, die ihr finden werdet, entsprechen immer der Art, wie ihr nach ihnen fragt“, und „die Geheimnisse der Welt ergeben sich nur demjenigen, der bereit ist, sich von ihnen verwandeln zu lassen“. Wenn ich die Hand auf den verrosteten Türklopfer des Hôtel Raoul in Paris lege, geht mir unweigerlich der Gedanke durch den Sinn, was wohl passieren würde, wenn es mir gelänge, die Tür zu öffnen, wohin ich dann käme – und welche Wahrheiten ich dahinter finden würde. Daher recherchiere ich auch sehr intensiv für meine Geschichten, denn es ist mir wichtig, dem Leser das Gefühl zu vermitteln, dass mehr in der Welt steckt, als wir auf den ersten Blick sehen und für möglich halten. Umso beeindruckter war ich, als ich während meiner Arbeit an GRIM feststellte, dass die Recherche und die Entwicklung der Geschichte mitunter stark miteinander verzahnt sind und mich so zur Wahrheit des Textes führen können. Ein Beispiel hierfür, das ich bereits an anderer Stelle erwähnte, ist Grims Zuhause in Paris, der Turm Saint Jacques. In einer der ersten Szenen während der Planungsphase von Grim I stellte Grim auf einmal fest, dass er in bzw. unter diesem Turm wohnen würde. Zu jener Zeit hatte ich noch keine Ahnung, wo ich meinen Protagonisten unterbringen sollte, aber ich wusste, dass er in einer Kirche zuhause war – und der Turm Saint Jacques ist definitiv keine Kirche. So vergeudete ich Wochen damit, die Kirchen in Paris zu durchstreifen (und merkte unterdessen in den Szenen, die ich mit Grim schrieb, dass er über meine wunden Füße am Abend lachte), bis ich herausfand, dass auch der Turm Saint Jacques einst eine Kirche gehabt hatte – nämlich die Kirche Saint-Jacques-la-Boucherie, die angeblich 1797 abgerissen worden war. Kaum hatte ich davon gelesen, kam mir die Idee, dass Grim etwas mit dieser Kirche verbunden hat, etwas Geheimes, Trauriges – und dass er eine Möglichkeit fand, das Gebäude in seine unterirdische Welt zu bringen. Den letzten Ausschlag für die Entscheidung, Grim tatsächlich unter dem Turm Saint Jacques anzusiedeln, haben dann die Tauben gegeben. Mehrfach habe ich den Turm besucht – und jeder, der schon einmal in Paris war, weiß, dass es dort vor allem in Reichweite der Sehenswürdigkeiten und Kirchen nur so von Tauben wimmelt. Meistens sitzen sie auf den steinernen Figuren an den Fassaden oder auf den Dächern, und auch rings um Grims Turm war der Rasen graugefleckt von Massen an Tauben. Doch keine – keine! – wagte es, sich in all der Zeit, in der ich diesen Ort besuchte, auch nur einmal auf die Figuren des Turms zu setzen. Mag sein, dass es dafür andere, taubeninterne Gründe gab. Aber für mich stand fest, dass Grim seine Klauen im Spiel hatte, denn er ist ja nicht unbedingt als Taubenfreund bekannt. Ich erinnere mich noch, wie ich kurz darauf erstmals den Turm Saint Jacques als Grims Heim in einer Szene darstellte – und wie Grim in meinem Kopf unterdessen die rechte Augenbraue hob und verächtlich fragte, warum ich nicht auf ihn gehört hätte, als er sagte, der Turm Saint Jacques sei sein Zuhause. Ich hätte mir eine Menge Rennerei ersparen können.

Die Bilder auf Ihrer Homepage haben mich zurück zu “Grim- Das Siegel des Feuers” gebracht. Denn wenn ich z.B. das 12. Bild der Gargoyles betrachte, sehe ich die verstorbene Gargoylefrau Moira. Inwieweit haben sich die “Gestalten in Stein” in ihren Büchern optisch manifestiert?

Ich habe keine der Steinfiguren optisch in meine Geschichte übernommen, weil meine Gargoyles zuerst in meinen Gedanken erschienen sind und ich sie erst danach teilweise in der Realität gefunden habe (manchmal war das durchaus ein wenig unheimlich). Wer auf Spurensuche gehen will, könnte sich den Turm Saint-Jacques einmal genauer ansehen. Einige der Figuren sehen manchen Charakteren in meiner Geschichte überaus ähnlich – insbesondere Fibi könnte mit dem einen oder anderen Teufel des Turms verwandt sein. Bestimmte Einzelheiten wie die Beschaffenheit der steinernen Haut oder die besondere Mimik, Gestik oder Ausstrahlung einer Statue haben mich aber häufig inspiriert und sich auch auf die feineren Charakteristiken meiner Figuren ausgewirkt, und ich finde es immer sehr spannend zu erfahren, wie meine Leser sich meine Figuren vorstellen. Darüber hinaus war die Gargoyle-Recherche für mich ein sehr sinnliches Erlebnis; der Geruch von Stein, das Gefühl, über steinerne Wangen zu streichen oder die verschiedenen Steinarten, die für Skulpturen verwendet wurden, waren sehr wichtig für mich.


Geneigte LeserInnen, glaubt mir eines, es gibt noch viel mehr davon. Ich werde Euch darüber berichten, sobald das ganze Interview online steht.

Es grüßt herzlich die geneigte

Ka

P.S. Zur Erinnerung der Link zu meiner Rezension: Grim – Das Erbe des Lichts

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